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Institut für Philosophie

Albert Sperber, M.A.

Projektbeschreibung

Das Vorbild im ethischen Denken des Aristoteles

 

Das Vorbild als moralisches Phänomen ist eine Grundtatsache unseres menschlichen Lebens. Es ist daher verwunderlich, dass in den philosophischen Debatten, insbesondere der Ethik, der Begriff des Vorbilds weder in historischer noch in systematischer Perspektive eine relevante Rolle spielt. Stimmt die Ausgangsbeobachtung, dann ist die „Vorbildvergessenheit“ der Gegenwartsphilosophie umso erstaunlicher, als Aristoteles in den letzten Jahrzehnten innerhalb der praktischen Philosophie eine regelrechte Renaissance erlebte – ist Aristoteles doch einer der präzisesten Beobachter unseres moralischen Seins, dem diese Tatsache kaum entgangen sein kann. Dieses Promotionsvorhaben möchte den Vorbildbegriff wieder in die Diskussion einführen und zeigen, dass die Ethik des Aristoteles als eine Vorbildethik zu verstehen ist, da das gute Leben nur gezeigt werden kann, nicht aber ‚gesagt‘ (im Sinne einer wie auch immer gearteten Kodifizierung). Um dies zu zeigen, wird erstens die Nikomachische Ethik auf Verweisungsstrukturen hin untersucht, die auf gelebte Vorbilder hinweisen, so dass deutlich wird, dass das Vorbild in dieser ethischen Schrift von Aristoteles immanent immer mitgedacht wurde. Zweitens wird der Vorbildgedanke genauer untersucht, indem diese Denkfigur in anderen relevanten Schriften außerhalb der Ethik aufgesucht wird: Die teleologische Struktur der menschlichen Natur gibt Auskunft über die Funktion des Vorbilds in Zusammenhang mit dem menschlichen Streben; die Untersuchung der Redegattung der epideiktischen Rede aus der Rhetorik zeigt, dass moralische Standards nur durch Zeigen von Beispielen und Vorbildern uns zu überzeugen vermögen; im Begriff der mimêsis der Poetik findet sich schließlich eine Theorie des Vorbildlernens. Vor diesem Hintergrund wird dann – drittens – eine Neuinterpretation der aristotelischen Theorie des Tugenderwerbs vorgenommen, um Probleme der klassischen Lesart zu lösen, etwa die intrinsische Verbundenheit von Tugend und Lust oder die Frage, wie sich aus Gewöhnung mittels Belohnung und Strafe eine in sich geschlossene Lebensform (Einheit der Tugend) ergeben kann. Das Konzept der Freundschaft, das in der Nikomachischen Ethik einen herausragenden Platz einnimmt (aber bisher systematisch kaum gewürdigt wurde), erweist sich dann als die vollendete Form des guten Lebens und als Paradigma für den Tugenderwerb. Es verbinden sich in diesem Promotionsprojekt also zwei Thesen: Durch die Interpretation der aristotelischen Schriften wird gezeigt, dass die aristotelische Ethik eine Vorbildethik ist; gleichzeitig wird in systematischer Perspektive für die These argumentiert, dass das gute Leben nur beispielhaft an Vorbildern gezeigt werden kann.

Dieses Projekt wurde von der Hanns-Seidel-Stiftung e.V. mit einem Promotionsstipendium gefördert.

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